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Das Kunstmuseum Bern, Gurlitts Erbe und die Provenienzforschung

Das Kunstmuseum Bern zeigt mit der Ausstellung „Gurlitt. Eine Bilanz" eine Rückschau auf die immense Forschungsarbeit, die die Berner Kunstinstitution in den vergangenen acht Jahren geleistet hat. Nachdem das Kunstmuseum Bern sich 2014 – nach sechsmonatiger Bedenkzeit – entschlossen hatte, ein schwieriges Erbe anzunehmen – und eine gewaltige mediale Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Vorgeschichte: In seinem Testament hatte der Kunstsammler Cornelius Gurlitt (1932-2014), Sohn von Hildebrand Gurlitt (1895-1956), der in der NS-Zeit umstrittene Kunstgeschäfte machte, dem Berner Kunstmuseum überraschend rund 1.600 Kunstwerke vermacht.


Kunstmuseum Bern
Wichtige Adresse für den neuen Umgang mit NS-Raubkunst: das Kunstmuseum Bern © Kunstmuseum Bern

Gurlitt und Bern – eine posthume Beziehung

Vor 2014, so die Museumsleitung, hätten zu keiner Zeit irgendwelche Beziehungen zwischen Cornelius Gurlitt und dem Kunstmuseum bestanden. Wie durch einen Paukenschlag waren „plötzlich die Augen der Weltöffentlichkeit auf das Kunstmuseum Bern gerichtet", erinnert sich Dr. Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums. Der „Fall Gurlitt" führte dazu, dass sich Deutschland seiner Verantwortung im Umgang mit NS-Raubkunst zunehmend stellte. Und er forderte das Kunstmuseum Bern, eine privatrechtliche Stiftung, mit der Annahme des sogenannten „Schwabinger Kunstfunds" massiv heraus.


Ein Erbe und seine Konsequenzen

Nach der Entdeckung des riesigen Kunstkonvoluts im November 2013 vermuteten die Münchener Steuerfahnder in Gurlitts Besitz jede Menge Bilder, die die Nazis seinerzeit jüdischen Besitzern geraubt hatten. Letztlich traf das nur auf 14 Kunstwerke zu. Das erbrachte die akribische Forschungsarbeit, für die das Museum eine eigene Abteilung für Provenienzforschung eingerichtet hat. 9 Werke konnten inzwischen Nachkommen früherer Eigentümer:innen zurückgegeben werden.


Provenienzforschung – eine Mammutaufgabe

Gehen wir hinein ins Kunstmuseum Bern und schauen, wie die Ausstellungsmacher:innen hier Bilanz ziehen. Kaum in die Mittelhalle eingetreten, stehe ich der Versinnbildlichung dieser Mammutaufgabe gegenüber. Unzählige A4-Ausdrucke übersäen die Wände über zwei Stockwerke. Wie eine grafische Tapete bedecken die aus der Gurlitt-Datenbank reproduzierten Blätter die gesamte Wandfläche vom Boden bis zur Decke. Jedes Blatt zeigt ein Werk aus dem Gurlittschen Kunstfundus. An der Wand gegenüber findet sich dessen Rückseite. Ein gelungenes Entrée.


Unzählige Kopien von Kunstwerken aus der Gurlitt-Datenbank symbolisieren die systematische Provenienzforschung © fega


Bildrückseiten liefern Rückschlüsse zur Provenienz

In der Ausstellung sind alle Exponate nach einem Ampelsystem klassifiziert, das Aufschluss über ihre Provenienz gibt. Es weist etwa Wassily Kandinskys Arbeit „Schweres Schweben" mit einem grünen Punkt für „keine Raubkunst" aus. Um an unbekannte Hintergründe zu kommen, die sich mit der Besitzbiografie von Gemälden und Zeichnungen verbinden, blickten die Forscher:innen aufmerksam auf die Rückseiten der Kunstwerke. In einigen Tischvitrinen lässt sich das nachvollziehen. Kunstwerke liegen auf ihr „Gesicht" gewendet. Sie offenbaren im Verborgenen schlummernde Details, weisen den Weg zu möglichen Rückschlüssen auf ihre Herkunft.


Das Propagandaministerium verlautbarte im Dezember 1939 in einem Schreiben an den Berliner Kunsthändler Ferdinand Möller: „Die weißen Zettel mit den Inventar-Nummern sowie etwaige Stempel oder Beschriftungen, aus denen der Name des Museums ersichtlich ist, in dem sich die Werke früher befanden, sind bei Ablieferung an den Erwerber zu entfernen bzw. unkenntlich zu machen".

Das galt gleichermaßen für Hildebrand Gurlitt, der sich als Kunsthändler und Einkäufer für das sogenannte Führermuseum in Linz schnell der NS-Diktatur angepasst hatte. Ihm oblag die Aufgabe, Kunstwerke zur Devisenbeschaffung im Ausland zu verkaufen. Ihre Herkunft zu verschleiern, wie durch das Abkratzen von Beschriftungen, versuchte auch er: Bei etwa 70 Prozent der grafischen Werke – die den überwiegenden Teil des Gurlittschen Gesamtfundus ausmachen – haben die Berner Provenienzforscher:innen mutwillige Manipulationen gefunden.


Papier unter dem Mikroskop © Kunstmuseum Bern
Die Restauratorin Dorothea Spitza bei der Untersuchung von technischen Merkmalen an Druckgraphiken, Zeichnungen und Malereien auf Papier unter dem Mikroskop © Kunstmuseum Bern

Der Nimbus vom „Nazi-Schatz" hat sich relativiert

Das Berner Kunstmuseum hat sich mit der Annahme des Gurlitt-Kunstschatzes eine Riesenbürde aufgeladen. Die Ausstellung „Gurlitt. Eine Bilanz" zeigt eindringlich, wie die Herausforderungen im Umgang mit Kunstwerken und ihrer Geschichte in unserer Zeit angenommen werden können. Der lange Weg weg vom „Nazi-Schatz" habe sich relativiert, so Nikola Doll Leiterin der Provenienzforschung im Berner Kunstmuseum, in einem Deutschlandfunk-Interview: „Wir können sagen: Es handelt sich um den Nachlass eines Kunsthändlers, der im Zeitraum des Nationsozialismus gearbeitet hat."

Die vom „Fall Gurlitt" ausgehenden Vorgänge haben die systematische Provenienzforschung in der Museumslandschaft erst in Gang gesetzt und in Folge entscheidend vorangebracht.

Wassily Kandinsky Schweres Schweben, 1924
Wassily Kandinsky Schweres Schweben, 1924, schwarze und farbige Tusche [Ausziehtusche] und Aquarell auf Karton 48,5 x 33,6 cm, Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014 © Kunstmuseum Bern

Der „Fall Gurlitt" hat den Blick auf Kunst verändert

Es ist nicht hoch genug einzuschätzen, was für einen enormen Erkenntnisgewinn die Provenienzforschung leisten kann, wie sehr sich der Blick auf die Kunst in historischen Sammlungen bereits verändert hat – und weiter verändern wird. Damit einher geht die Verpflichtung der Museen, ihre kompletten Sammlungen auf die Rechtmäßigkeit der Erwerbungen zu überprüfen, das Risiko der Rückgabe an die rechtmäßigen Besitzer oder deren Erben stets eingeschlossen. Die Berner Bilanzziehung vermag den Blick jedes einzelnen Museumsbesuchenden, nachhaltig zu verändern. Die Ausstellung entlässt den Besuchenden mit geschärfter Aufmerksamkeit gegenüber Fragen und Erkenntnissen zur Provenienz bei künftigen Museumsbesuchen.


Was wurde nach 1945 aus Hildebrand Gurlitt?

Schaut man auf die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmen zwei ungeheure Fakten den weiteren Verlauf. Sie offenbaren, warum die Aufarbeitung so lange auf sich warten ließ und warum sie so schwierig ist. Hildebrand Gurlitt fasste nach dem Krieg sofort wieder Tritt – als Sammler und Kurator der von den Nazis geächteten modernen Kunst. Und: Das am 31. Mai 1938 erlassene „Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" legalisierte die Einziehungen durch den NS-Staat. Es lieferte dem NS-Regime im Auftrag des Propagandaministeriums die Grundlage für die wirtschaftliche Verwertung der beschlagnahmten Kunstgüter durch eine Handvoll ausgewählter Kunsthändler, zu denen Hildebrand Gurlitt zählte. Dieses Gesetz wurde bis heute nicht widerrufen.



Tiefer eintauchen

Es lohnt sich, sich in diese zugegeben zunächst trockene Materie einzuarbeiten. Wer Interesse hat, die Geschichte rund um das „Legat Gurlitt" zu ergründen: Sie ist spannend wie ein Krimi.


Die Ausstellung „Gurlitt. Eine Bilanz" bleibt virtuell nachvollziehbar

Die Ausstellung „Gurlitt. Eine Bilanz" (Laufzeit bis 15. Januar 2023) ist eine Leseausstellung. Es gibt viel Stoff zu bewältigen. Gute Nachrichten für alle, die die Ausstellung verpassen: Sie ist virtuell nachvollziehbar. Die Ausstellungsbroschüre bietet einen informativen Einstieg in die Thematik; hier sind alle Texte der Sonderschau 1:1 festgehalten.


Lese- und Webempfehlungen

Zudem ist das gesamte Gurlitt-Konvolut seit Dezember 2021 online zugänglich. In der Datenbank zeigen sich auch die spurenweisenden Rückseiten der Kunstwerke.



 Rückseite der Kunstwerke
Heiße Spur? Das Lösen aus der Rahmung kann sie auf den Rückseiten der Kunstwerke bringen © Kunstmuseum Bern

Maurice Philip Remy. Der Fall Gurlitt. Die wahre Geschichte über Deutschlands größten Kunstskandal. 672 Seiten. Europa Verlag, 2017

„Sonntag, der 3. November 2013 war der Tag, an dem Cornelius Gurlitt aus seiner Anonymität gerissen wurde. Um acht Uhr erschien die Digitalausgabe des Magazins Focus; auf der Titelseite stand in fetten Lettern: „Der Nazischatz“. Mit diesen Sätzen beginnt diese Rekonstruktion des „Falls Gurlitt“ – und damit das Staunen über „Deutschlands größten Kunstskandal“.


Einblicke in die Arbeit als Provenienzforscherin gibt Dr. Nikola Doll, Leiterin der Abteilung Provenienzforschung am Kunstmuseum Bern


Linksammlung zur Provenienzforschung von Museen und Sammlungen Dritter in der Schweiz


Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg ist der zentrale Ansprechpartner in Deutschland zu Fragen unrechtmäßig entzogenen Kulturguts. Das Hauptaugenmerk des Zentrums gilt „dem im Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgut insbesondere aus jüdischem Besitz (sog. NS-Raubgut).


Provenienzforschung erklärt – auf der Website des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in

Magdeburg finden sich aufschlussreiche Interviews mit Experten vom Schlossmuseum Jever, Liebieghaus in Frankfurt am Main oder dem Berliner Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen u.a. zu ihrem Fachgebiet Provenienzforschung.


Ein Gegenbeispiel: Dass es Unterschiede im Umgang mit Provenienzforschung und Restitutionspraxis gibt, zeigt die große öffentliche Unruhe rund um die umstrittene Kunstsammlung des Waffenproduzenten Emil Bührle (1890-1956), die im Kunsthaus Zürich in einem prächtigen Erweiterungsbau von David Chipperfield präsentiert wurde. Erst der öffentliche Druck gab den Anstoß, die Provenienzforschung der Stiftung Bührle von unabhängigen Fachleuten prüfen zu lassen.



Dieser Artikel ist im Rahmen einer individuellen Medienreise mit Unterstützung von Bern Welcome entstanden. Meine ausführlichen Reisebeiträge „Bern Kulturelles Glanzlicht mit Aussicht“ und „Meine Top Ten: Berner Besonderheiten“ erscheinen demnächst auf azurgold.





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