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Istrien. Das Herz der Adria: Rezepte und Geschichten von Paola Bacchia

Die australische Kochbloggerin Paola Bacchia lässt die Welt ihrer Kindheit und ihres Vaters Nello lebendig werden, mit mediterranen Rezepten aus seiner verlorenen Heimat Istrien. Paola Bacchias Kochbuch „Istrien. Das Herz der Adria“ versammelt Gerichte und Geschichte(n) um Verlust im alten Europa und Neuanfang auf dem fünften Kontinent, ausgezeichnet mit einer Silbermedaille des Deutschen Kochbuchpreises 2023.

Paola Bacchia als Kind beim Paddeln mit Ksenija
Paddeln auf der Adria: Paola Bacchia mit ihrer Freundin Ksenija, 1980 © ars vivendi verlag

Rotgoldene Oliven schimmern auf blaugrünem Laub. Mit ihrem intensiv-blauen Buch- Schnitt liegt Paola Bacchias Kochbuch „Istrien – Das Herz der Adria“ angenehm in meinen Händen: Für eine Reise im Kopf und meine Neugier auf multikulturelle Köstlichkeiten genau das Richtige. Trotzdem: Ich bin skeptisch, als ich das Buch aufschlage. Die Autorin mit dem italienischen Namen Bacchia stellt sich – Überraschung – als in Melbourne gebürtige Australierin vor.


Istrien: aus der Ferne Australiens ganz nah ...

Die Rezepte für „Istrien – Das Herz der Adria“ hat die ehemalige Zahnärztin Paola Bacchia von Ausgewanderten zusammengetragen, von „immigrati" in Australien oder den USA. Meist also von Menschen, die seit Jahrzehnten Tausende Kilometer entfernt von den Orten leben, aus denen die Kultur Istriens, die Lebensgewohnheiten und nicht zuletzt auch die Zutaten zu den Speisen stammen. Wie soll diese Sammlung neugierig machen auf eine Halbinsel, die – eingeklemmt zwischen Italien, Österreich und dem Balkan – heute den nordwestlichen Zipfel von Kroatien ausmacht? Kann sie trotzdem authentisch sein?

Pula, im Süden der istrischen Halbinsel, ist bekannt für sein römisches Amphitheater © ars vivendi verlag / Paola Bacchia


Sehnsuchtsort: das Istrien vergangener Zeiten

Zum Glück begegnen mir beim Stöbern in den Fotos und Illustrationen keine Hochglanz-Postkartenidyllen. Stattdessen Gebäude-Fragmente, Landschaften, Küsten und Dörfer, Schnappschüsse aus Familienalben, eher in matten Farben oder schwarz-weiß: Paola Bacchia hat sie selbst fotografiert und ausgesucht.

Ein Teller Gemüse-Ravioli auf einer weißen Tischdecke mit nostalgischen Schwarz-Weiß-Portraits
Gemüse-Ravioli (Ravioli di verdure) © Paola Bacchia

Die Speisen mit schlichtem Besteck, angerichtet auf antiquierten Deckchen, die gerade aus Großtantes Schubladen hervorgekramt scheinen. Oft sind es Ausschnitte, bruchstückhaft wie Erinnerungsfetzen, die einen Sehnsuchtsort wiederbeleben: ein Istrien vergangener Zeiten.


Papa Nello und Mamma Livia auf den Straßen von Monfalcone, 1950
Papa Nello und Mamma Livia, 1950 in Monfalcone © ars vivendi verlag

Die Geschichte von Nello, dem Vertriebenen und Auswanderer aus Pola

Vor allem das ist dieses Kochbuch: Erinnerung an den Geschmack von Heimat und Gemeinschaft, Kindheit und Entdeckungen. Es ist die Geschichte von Nello aus der Hafenstadt Pola, heute Pula, an der Adria, dem Vater der Autorin, dem Vertriebenen und Auswanderer.


Sie erzählt von dessen unermüdlichen Versuchen, sich sein Istrien zurückzuholen – und es im fernen Australien lebendig zu halten. Ihrem Vater und dieser Leidenschaft hat Paola Bacchia ihr Buch gewidmet.



Diskriminierungen und Vergeltungsmaßnahmen

Nellos Suche nach der Neuen Welt ist keineswegs freiwillig. Hunderttausende italienischsprachiger Menschen, vor allem aus Istrien und Dalmatien, sind – in den Jugoslawien zugesprochenen Gebieten nach dem Alliierten-Friedensvertrag von 1947 – staatlichen Diskriminierungen ausgesetzt: Vergeltungsmaßnahmen für die vorangegangene Unterdrückung und Verfolgung der Kroaten und Slowenen von italienischer Seite. Die jugoslawischen, nun kommunistisch besetzten Behörden, fordern – wie zuvor das faschistische italienische Regime – Namensänderungen, Enteignung und überhöhte Steuern.


Erste Station Richtung Australien: überfüllte Flüchtlingslager in Italien

Einziger Ausweg für die „Istriani-italiani“: Sie müssen das Land verlassen. Nach dem Exodus kommen Paola Bacchias Vater Nello und seine Eltern wie Tausende anderer Heimatloser aus Pola zunächst in oft überfüllten Flüchtlingslagern in Italien unter. Letztlich Nellos Glück: Dort lernt er seine Frau Livia kennen…

Ein Kuchenteller mit einem Apfelkuchen auf einer alten weißen Tischdecke mit Lochstickerei
Nonna Nitas Apfelkuchen (Torta di Mele) © Paola Bacchia

Torta di mele und ein eingeschleuster Campingkocher in Australien

Beim Weiterblättern bleibe ich an der „Torta di mele“ hängen, am Apfelkuchen aus „Nonna Nitas“ handgeschriebenem Rezeptbuch. Der Geschichte nach, die Paola Bacchia dazu aufgeschrieben hat, stammt das Büchlein aus dem Familienerbe alter Freunde. Sie haben mit ihrem Vater Nello dieselbe Schule besucht – in der alten, einst venezianischen Hafenstadt Pola, so der italienische Name (heute kroatisch: Pula).


Anfang der 1950er Jahre sehen sich die jungen Leute in Australien eher zufällig wieder. Beim Picknick im Freien mit einem eingeschleusten Campingkocher kochen sie gemeinsam gegen das wenig schmackhafte Kantinenessen im Einwandererlager an.


Die italienischen Einwanderer prosten sich gutgelaunt am Tisch zu
Heimatküche in Australien © ars vivendi verlag

Suche am Hafen von Melbourne

Tochter Paola erzählt – zwischen Rezepten für gebackene Muscheln und mit Mangold gefüllten Ravioli –, wie Nello monatelang Tag für Tag aus dem Lager in Melbourne zum Pier im Hafen geht, um unter den Neuankömmlingen Bekannte zu entdecken.


Und tatsächlich: Er trifft Bibo und seine Familie aus Pola, seiner Stadt. Er unterstützt seinen Freund aus Kindertagen bei den ersten Schritten im neuen Leben, auf dem fremden Kontinent mit den vielen, großartigen Möglichkeiten.






Alte Geschichten im heimatlichen Dialekt

Eine Ladung von Marios frisch überbackenen Muscheln
Marios überbackene Muscheln (Mussoli al forno) © Paola Bacchia

Sie kommen mit Familie und Freunden zusammen, so oft es die Fabrik- oder Farmarbeit zulässt. Hier können sie Neuigkeiten und alte Geschichten im vertrauten, heimatlichen Dialekt austauschen: ihrer venezianisch-istrischen Sprache. Sie ist Teil des kulturellen Erbes, das Venetien in den vielen Jahrhunderten seiner Herrschaft über die Küstenstreifen Istriens hinterlassen hat.

Familien-Picnic zwischen Autos in den 50er Jahren in Australien
Auto-Picnic auf istrianisch © Silvan Dam

Vor allem aber wird gekocht, getrunken und gegessen: Lieblingsgerichte, die nach der verlassenen adriatischen Heimat in Europa schmecken, nach Meer und Bergen. Sogar den Wein versuchen sie selbst zu keltern.


Ein oft vergessenes Kapitel der Geschichte

Wenn die Autorin ihre Patin Gemma zitiert, klingt fast nebenbei die schmerzhafte Seite der Auswanderung an:

„Gho pianto tanto …ich habe viel geweint, wenn ich an Pola dachte.“

Gemma kommt bereits 1949 jungverheiratet mit ihrem Mann Mario nach Australien. Nach den harten Kriegsjahren in Istrien machen ihr die Fremde und weitere Entbehrungen im neuen Zuhause schwer zu schaffen.

Patin Gemma Arm in Arm mit Ehemann Mario, beide lachen
Patin Gemma mit Ehemann Mario, 1953 © ars vivendi verlag

Als Australien ab 1947 seine Grenzen für Arbeitskräfte aus dem kriegszerstörten Europa öffnet und – gegen zwei Jahre Arbeit für die Regierung – die Überfahrt finanziert, nutzen viele vertriebene „Istriani-italiani“ diese Chance. Die wochenlange Reise auf maroden Schiffen und die oft Jahre dauernde Trennung von ihren Familien nehmen sie in Kauf, für einen Neuanfang auf dem fernen Kontinent.


Venezianische Polentataschen und Präsentiertorten

Dieses oft vergessene Kapitel der Geschichte von Vertreibung und Auswanderung der „Istriani italiani“ bringt mir Paola Bacchia in den Erzählungen ihres Buchs „Istrien – Das Herz der Adria“ sehr nah. Sie hat Familienfreunde besucht, sich in venezianisch-istrischen Blogs umgetan, in langen Telefongesprächen mit rüstigen Witwen in Erinnerungen geschwelgt.


Das Ergebnis ist so vielfältig wie die kulturellen Einflüsse auf die istrische Küche: von den schlichten Lieblingsrezepten des Vaters, seiner Vorliebe für Kartoffelstampf („istrianisch“: mit Olivenöl und Zwiebeln) und venezianischen Polentataschen über aufwändige Präsentiertorten aus dem habsburgischen Kulturerbe und einer Prise Balkan: Strudel und Canelloni, Grillspieße und „involtini“, „crafi“ und „palacinke“.


Ein Land, das es so nicht mehr gibt

Paola Bacchias Istrien ist das Land ihres Vaters Nello. Mit ihren Geschichten, Fotos und Erinnerungen spürt sie ihm nach. Sie macht neugierig auf ein Land, das es so nicht mehr gibt. Mit einer so wechselvollen Geschichte, dass ich immer wieder neu nachschauen muss: römisch, venezianisch, habsburgisch, italienisch, von Deutschen eingenommen, in Zonen aufgeteilt, seit Titos Volksrepublik jugoslawisch…Inzwischen – angekommen in der kroatisch europäischen Gegenwart Istriens – gibt es zwei Amtssprachen: kroatisch und italienisch.


Mein Fazit: Die Rezepte, praktisch und ohne Schnickschnack von Tochter Paola ausprobiert und aufgeschrieben, laden zum Nachkochen für das nächste Familien- oder Freundestreffen ein. Auch wenn Vegetarier:innen eingeladen sind, findet sich eine reiche Auswahl. Und sicher würde ich irgendwann auch gerne dorthin reisen nach Pola/Pula oder Parenzo/Porec und nachschauen, wo man sie noch entdecken kann, die traditionellen Gerichte aus Istriens multikultureller Küche, aus „dem Herzen der Adria“.


Buchempfehlung

Paola Bacchias „Istrien“ wurde mit der Silbermedaille des Deutschen Kochbuchpreises 2023 in der Kategorie „Mediterran“ ausgezeichnet.


Über die Autorin

„Italy on my mind“ heißt der englischsprachige Foodblog von Paola Bacchia, durchdrungen von ihrer zur Leidenschaft gewordenen Zuneigung zu Italien und seiner Küche und der Dankbarkeit für ihre Eltern. Hier postet Paola Rezepte, verweist auf ihre bislang veröffentlichten Kochbücher (Italia a mano (Italian streetfood), 2020 und Adriatic Recipes and stories from Italy, 2018, sind noch nicht in deutscher Ausgabe erschienen) und gibt ausgesuchte Empfehlungen zu italienischen Städten wie Triest, einer Lieblingsstadt, oder Regionen wie Apulien. Klar: Auch hier steht das Essen im Zentrum.


Reiseführer

Wer Lust bekommen hat, nach Istrien zu reisen, findet im Merian live-Reiseführer einen guten Ratgeber Istrien. Das nördliche Kroatien


Adria-Lektüre

Einen informativen Einstieg in die reichhaltige Geschichte der Adria gibt ein Aufsatz von Aleksandar Jakir, Historiker und Professor für Zeitgeschichte an der Universität Split: „Adria: Teil des Mittelmeeres und europäischer Sehnsuchtsort“.


Bei Uwe Rada gibt es viel Hintergrundwissen, darunter auch ein Kapitel „Mein Istrien. Die Adria in Europa“ und eine übersichtliche Chronologie der Geschichte: Die Adria. Die Wiederentdeckung eines Sehnsuchtsortes. 336 Seiten. Pantheon Verlag, 2014.


Zur Geschichte der Istriani italiani

Und, vor allem für italienisch Sprechende: Wer sich für die Geschichte der Vertreibung der „istriani italiani“ interessiert, findet Texte (auf italienisch, teilweise auf englisch), historische Fotos und auch Filmaufnahmen, u.a. vom Exodus aus Pola 1947, auf der Website des Istituto Regionale per la Cultur Istriano-fiumano-dalmata, Triest


Wer vor Ort in Triest ist, kann das angeschlossene Museum besuchen: Civico Museo della Civiltà Istriana Fiumana e Dalmata



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