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Literarisch dem Frühling in Neapel entgegen: Bitteres Blau von Maike Albath

  • Autorenbild: Felicitas
    Felicitas
  • vor 24 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Neapel begeistert mich – besonders wenn in deutschen Gefilden Winter herrscht. Hier eilt der Frühling voraus. Bringt Leichtigkeit ins Leben. Januar: Februar, März in Bella Napoli – wunderbar! Um Ostern lieber einen Bogen machen – und im Sommer sowieso. Und sich derweil lieber tief und literarisch auf die Stadt am Golf einlassen. Mein Tipp für eine perfekte Reisevorbereitung: „Bitteres Blau. Neapel und seine Gesichter“ von Maike Albath.


Blick aus dem Archäologischen Museum durch eine große Glasfront auf den Innenhof
Immer ein guter Ort: das Archäologische Museum in Neapel © Felicitas Wlodyga
Der Süden hat ein anderes Krisenbewusstsein. Das ist seine Stärke. Maike Albath

Neapel? Geht gar nicht, Müll, Mafia, schlechte Luft! Oder: großartig, wie im Film, überwältigend. Neapel polarisiert. Also: selbst hinfahren. Habe ich gemacht, letztes Jahr Ende Januar – und dieses Jahr wieder, zur selben – besten (Reise) – Zeit. Gewohnt habe ich mittendrin, in der Nähe des Doms. Warum bloß besuchen so wenig Menschen in den ersten Monaten des Jahres Reiseziele wie Neapel? Keine Warteschlangen, Tag und Nacht milde Temperaturen, viel Grün, kaum kahle Bäume. Und das Licht!


Gern entlaste ich den Zustrom an Touristen – er hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt! – und leiste meinen Beitrag zum nachhaltigen Reisen! Auch Maike Albath konstatiert in „Bitteres Blau. Neapel und seine Gesichter“: „Im Moment richten sich alle in den Nischen des neuen Tourismus ein ....“ Ein Zubrot hilft, denn die Lage in der ärmsten Großstadt Italiens ist: „explosiv“. Regierungschefin Giorgio Meloni hat das Bürgergeld abgeschafft, Kindergeld gibt es nicht, soziale Absicherung auch kaum.


Literatur und Kultur als Verbündete

Für manchen ist Neapel die schönste Stadt der Welt. Die „widersprüchlichste Stadt der Welt“ nennt die Journalistin Maike Albath die süditalienische Metropole, der sie ihr Buch „Bitteres Blau“ gewidmet hat – und das hingebungsvoll. Es beflügelt meine zunehmende Faszination für Neapel. In ihrer Hommage beschönigt die Literaturkritikerin und Italien-Expertin nichts – und lässt das Schöne erstrahlen. Albath, Jahrgang 1966, macht die italienische Literatur und Kultur zu ihren Verbündeten. Sie wagt sich dicht an die Widersprüche der Stadt heran. Sie stecken bereits im Titel „Bitteres Blau“. Es lohnt sich sehr, sich auf dieses Buch einzulassen, weil es die „Untiefen der Stadt" gekonnt auslotet.

 

Eine nahezu 3.000 Jahre alte Geschichte

Für Albath ist das einstige Neapolis mit seiner fast 3.000 Jahre alten Geschichte eine Stadt, die „einen erobert und gleichzeitig zurückstößt“. Die Geschichte Neapels und seine Suche nach Identität durchzieht den eleganten Buchband. Ein Kapitel gehört den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, dem Terror durch die deutschen Besatzer, den Bombardierungen durch die Alliierten. Sie kommen durch die Erinnerungen des Autors Raffaele La Capria (1922-2022) zur Sprache.

Immer wieder: Maradonna und Sophia Loren

Maradonna auf einem Plakat mitten in einer Ansammlung von Stühlen am Straßenrand
Maradona forever, Neapel ehrt ihn © Felicitas Wlodyga

Gleich im ersten Kapitel begegnen wir König Fußball in Person des legendären Diego Maradona (1960-2020). Er verhalf dem SSC Neapel Ende der 80er-Jahre zu großen Meriten. Bis heute hält sich die Leidenschaft, die er entfachen konnte, und verbindet Neapolitaner quer durch alle Schichten. Überall in der Stadt prangt sein Konterfei auf Plakaten, Fotos oder als Graffiti. Wer dem Fußball nicht so viel abgewinnen kann, findet in Sophia Loren – einst im Armenviertel Pozzuoli aufgewachsen – eine wunderbare Alternative. „La Loren“ lächelt mir im Gassengewirr hin und wieder zu.


Sophia Loren auf einem Plakat, das zwischen Wäschestücken auf einer Leine hervorschaut
Tochter Neapels: Sophia Loren © Felicitas Wlodyga

 

Neapel schillert in Maike Albaths „Bitteres Blau“

Ob Ladenbesitzer, Architekt oder Professorin, viele Menschen bereichern das vielschichtige Stadtportrait. Auch Elsa Ferrante (* 1943) und Roberto Saviano  (* 1979) – oder Raimondo di Maio. Der hat 1989 die Buchhandlung Dante & Descartes samt einem kleinen Verlag gegründet und ist ein wertvoller Bewahrer des kulturellen Gedächtnisses der Stadt. In seinem winzigen Buchladen fand die erste Lesung von Roberto Saviano statt, bevor dieser aufgrund seiner Offenlegung der Machenschaften der Camorra unter Polizeischutz gestellt werden musste.

„Roberto Saviano, Student der philosophischen Fakultät, half Journalisten aus Mailand und Rom bei der Recherche und trieb sich mit seinem Mofa an den einschlägigen Schauplätzen herum, bis er auf die Idee kam, selbst ein Buch zu schreiben. 2006 machte dann sein dokumentarischer Roman „Gomorrha“ Furore, der später international gefeiert und auch verfilmt wurde, in Cannes einen Preis bekam und dann eine gleichnamige Serie inspirierte.“

Di Maio berichtet Maike Albath auch stolz, wie 20 Minuten nach der Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises 2020 für die Lyrikerin Louise Glück plötzlich eine lange Schlange junger Leute vor seiner Ladentür stand. Der Grund: Dante & Descartes war der einzige italienische Verlag, der einen Gedichtband von Louise Glück im Programm hatte. Sein Titel: Averno. Der Buchhändler ist eine unerschöpfliche Quelle, wenn er etwa von Domenico Rea (1921-1994) schwärmt. Das klingt bei Di Maio Im O-Ton so:

 

„Auf Deutsch gibt es nur seine leichtfüßigen Feuilletons, (…) Man begegnet einem Erzähler, der seine Marotten genussvoll pflegt und bei Schlaflosigkeit spazieren geht, gemeinsam mit seiner Katze Fritz, die er am Halsband durch die Gassen führt oder in seine Hosentasche steckt. Ein andermal beobachtet er die Müllabfuhr und lässt sich von den Müllkutschern erklären, wie sie anhand der Abfälle Aufschluss über die Anwohner erlangen.“

 

Maike Albath ist in den schmalen Gassen und auf den belebten Plätzen unterwegs, in Bars, im Fußballstadion oder an Fabrikruinen am Meer. Sie lässt auch die problematischen Stadtteile Neapels nicht aus, berichtet von Menschen und Initiativen, die mit Bildung und Kultur an positiven Veränderungen arbeiten. Die Autorin kann auf ein über Jahre und Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk zurückgreifen. Es ist bereits das vierte Italienbuch der in Berlin lebenden Autorin, in dem sie nach Turin, Rom und Sizilien Neapel erforscht. Mit feinem Gespür, auch für ganz alltägliche Geschichten, und großer Empathie trifft sie auf Anwohnende, die ihre Perspektiven und Erfahrungen sehr gerne mit ihr teilen. Gemeinsam fangen sie die Eigenart und Atmosphäre von Neapel und lassen den urbanen Transformationsprozess, der an der Stadt zerrt, erahnen.


Piazza Bellini – ein Ort im Wandel der Zeit

Ein besonders schöner Platz, an dem Maike Albath sich verabredet hat, ist die etwas versteckte Piazza Bellini unweit der griechisch-römischen Stadtmauer. Heute eine Stadtoase und Treffpunkt der literarischen Szene, galt diese Ecke Ende der 80er-Jahre nach Einbruch der Dunkelheit als unsicheres Terrain“, weil es ständig Überfälle gab. Maike Albath dazu:

„All das scheint in einem anderen Land stattgefunden zu haben. Das Caffè letterario Intra Moenia war eines der ersten seiner Art in Neapel, ein Café, wo man stundenlang unter Sonnenschirmen draußen sitzen konnte, so etwas war damals völlig neu.“ 

Heute reiht sich ein Café neben das nächste, nah der belebten Via dei Tribunali, im Centro Storico, längst eine Fußgängerzone.


Neapel von seiner literarischen Seite © Felicitas Wlodyga


Maike Albath profitiert in „Bitteres Blau“ von ihrer tiefen Kenntnis der reichen Literaturlandschaft Neapels. Immer wieder stellt sie die literarische Wucht Neapels unter Beweis, so einzigartig wie der morbide Charme der Stadt. Ein „Paradies, bewohnt mit Teufeln“, so beschreibt Benedetto Croce (1866-1952) seine Heimatstadt, die neben Mailand der zweite große Ort der Aufklärung in Italien war – und Croce der bedeutendste Aufklärer des Landes. Und einer der wichtigsten Intellektuellen des Landes.

 

Ein Fundus an Literaturtipps

Wer auf der Suche nach guter italienischer Literatur ist, bekommt in „Bitteres Blau“ einen Fundus an Lesetipps, darunter auch Domenico Starnone (* 1943) mit seinem autobiografischen Roman „Via Gemito“. Er erschien 2000 und wurde mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, ausgezeichnet.


Sehr wichtig ist Maike Albath die weibliche Perspektive in der neapolitanischen Literatur. Sie schließt auch weniger bekannte Autorinnen wie Anna Maria Ortese (1914-1998) und Matilde Serao (1856-1927) ein oder Fatrizia Ramondino (1936-2008), die lange als Lehrerin in den Problembezirken der Stadt gearbeitet hat. Auch Ramondino, die noch ein Dutzend Romane „ von einer beglückenden Fülle schuf, hat mit einer alten Stadtstreicherin ein Abbild Neapels geschaffen, die, „wenn sie ihr Brot an die Tauben verteilt, (…) Neapel selbst (ist): eine geschundene, vernachlässigte Kreatur voller Lebenswillen und Barmherzigkeit.


Mein Fazit

Maike Albath ist mit „Bitteres Blau. Neapel und seine Gesichter“ ein fulminantes Stadtportrait gelungen. Auf jeder Seite lernen wir neue Facetten der Stadt am Golf von Neapel kennen und seine vielen Häutungen besser verstehen. Sie alle in Beziehung zueinander zu setzen, ist eine großartige Leistung. Und wir können von „Bitteres Blau“ genauso viel lernen wie von der schillernden Stadt. Valentina Di Rosa, Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Università L'Orientale in Neapel, bringt es auf den Punkt:


„Den Alltag in Neapel zu bewältigen ist manchmal anstrengend, aber man merkt hier viel stärker, wie es um die Welt bestellt ist, und versteht vieles besser. Ich befürchte aber, dass Neapel die Avantgarde ist, im negativen Sinne. Hier kann man jetzt schon erkennen, welches unsere Probleme der Zukunft sein werden.

Buchcover von Bitters Blau mit einer weißen Lilie daneben
© Felicitas Wlodyga

Buchempfehlung

Bitteres Blau. Neapel und seine Gesichter, Maike Albath, Berenberg Verlag, Berlin 2024, 348 Seiten (leider schließt der Verlag 2026)


Weitere Bücher von Maike Albath

Der Geist von Turin. Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943, Berenberg Verlag


Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens, Wagenbach Verlag


Rom, Träume. Moravia, Pasolini, Gadda und die Zeit der Dolce Vita, Wagenbach Verlag (Neuauflage 9/2026)                                                                           

1 Kommentar


Werner
vor einer Stunde

👏werde ich mir kaufen. Liebe Grüße

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