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Naturkunden Band 112: Himmelsstriche. Vom Leben der Vögel und Überleben der Menschen von Bernhard Malkmus

Autorenbild: Felicitas
Felicitas
vor 2 Tagen
5 Min. Lesezeit

Wie kann ein so schönes Wort wie Himmelsstriche ausgestorben sein? Bernhard Malkmus holt es aus der Vergessenheit, als er das Schicksal der Seevögel in der nördlichsten Graftschaft Englands verfolgt. Sein Buch „Himmelsstriche“ ist ein groß angelegter Rettungsversuch – für das Wort, für die Natur, für die Vögel. Warum dieses Buch ein Glücksfall ist.


das Cover von Himmelsstriche in strahlender eleuchtung vor ein paar grünen Blättern
In „Himmelsstriche“ schreibt Bernhard Malkmus über das Schicksal der Seevögel an der nordostenglisch-schottischen Küste © Felicitas Wlodyga

 

 

Ausgangspunkt und Form des Buches 

„Es war der Zufall, der uns an die Küste Northumberlands im Nordosten Englands versprengte, wie Irrgäste unter Vögeln, die von tropischen Wirbelstürmen in die falsche Himmelsrichtung geschickt wurden.“

 

Mit diesen Worten beginnt Bernhard Malkmus (* 1973) seinen Essay „Himmelsstriche“. Malkmus lehrt Germanistik und Environmental Humanities an der Universität Oxford. 2022-2023 verbringt der Wissenschaftler während der Coronazeit ein Jahr mit seiner Familie an der nordostenglisch-schottischen Küste. Ein wichtiges Brutgebiet für zahlreiche Vogelarten liegt ganz in der Nähe. Dieser Küstenstrich inspiriert ihn zu „Himmelsstriche“. Das Werk von Bernhard Malkmus ist als Band 112 in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz erschienen – und es hat es in sich.

 

Malkmus nutzt seinen Aufenthalt für genaueste Naturbeobachtungen. Er kann sich auf sein beeindruckendes Wissen über naturkundliche Phänomene und Vogelkunde stützen. Sein Fokus: Das Schicksal der Seevögel im Dreiflüsseland zwischen River Tyne, River Wear und River Tees. Landschaftlich beginnt hier Schottland.

 

Bernhard Malkmus wählt für „Himmelsstriche“ die Form des Tagebuchs. Es deckt einen vollen Jahresablauf ab.

„Schon nach wenigen Tagen hatten wir und unsere beiden Kinder Bekanntschaft mit den meisten unserer Nachbarn dieses Winters geschlossen: mit Chris und Maggie über uns, mit Alan und Alex nebenan; mit Sanderling und Steinwälzer am Strand, mit Austernfischer und Alpenstrandläufer auf den sich weit ins Meer erstreckenden Riffen.“

 

Wo einst römische Truppen, irische Missionare und die Wikinger durchzogen, die reichsten Kohlevorkommen Großbritanniens abgebaut wurden und die größten Werften der Welt entstanden, dominieren längst riesige Chemiekonzerne die Landschaft und hinterlassen verheerende Spuren im „Stoffwechsel der Erde“.

 

Himmelsstriche von Bernhard Malkmus: Naturkunden Band 112

Malkmus’ Texte sind Meditationen. Fasziniert von der Anmut und Überlebenskunst der Seevögel ruft der Autor eine überraschende Artenfülle auf den Plan. Sie zeigt sich im schottischen Grenzland „an den Rändern einer sich unablässig ausbreitenden Artenleere“. Noch zeigt sie sich, doch wie lange noch? Als Malkmus auf seinen Streifzügen immer mehr Kadaver findet, entschließt er sich, den Vögeln ein literarisches Denkmal zu setzen.


„Himmelsstriche“ trägt den Untertitel „Vom Leben der Vögel und Überleben der Menschen“. Und als Widmung: „Allen Tieren gewidmet, die während des warmen Jahreswechsels 2022–2023 vorzeitig aus Winterschlaf oder Winterstarre aufbrachen in einen sicheren Tod.“ Dass die Menschheit wieder Achtung für die Natur findet, daran glaubt der Autor dieses trotz der fatalen Schilderungen schönen Buches nicht mehr. Malkmus bringt seinen Wunsch, in einer menschlicheren Natur zu leben, aus tiefstem Empfinden zu Papier.


Unser Verhältnis zur Natur

Ein derart phänomenales Wissen, wie es Bernhard Malkmus über die Natur und ihre Phänomene vorweisen kann, hat kaum noch jemand. Was viele unserer Ahnen wussten und im Körpergedächtnis trugen, ist nahezu verschwunden – und markiert gleichzeitig einen signifikanten Bruch in unserem Verhältnis zur Natur. Malkmus hält uns einen Spiegel vor.

 

Himmelsstriche: Ein Fest für die Sprache

„Himmelsstriche“ von Bernhard Malkmus macht der Naturkunden-Reihe vom Verlag Matthes und Seitz alle Ehre, inhaltlich wie sprachlich. Wenn der Verfasser ein Lied auf die Anmut und Widerstandskraft der Seevögel singt, ringt er immer wieder nach Worten. Trauer erfasst ihn angesichts des Vogelsterbens. Zwischen den Zeilen schwingt die Frage nach der Sprache mit. Malkmus fragt sich, wie er „unserer Gegenwartsprosa die Ausdruckskraft fürs Stirb und Werde um uns herum abringen“ könne. Und weiter:

 

„Welche Sprache unseren Kindern und Enkeln hinterlassen? Wird für sie das Schillern eines Schillerfalters und das Segeln eines Segelfalters nur gewesen sein und schließlich aus dem Sprachgedächtnis verschwinden?“

 

Der Autor Bernhard Malkmus

Der Autor, der auch den Band „Luchse“ für die Naturkunden-Reihe verfasst hat, scheut sich nicht, pathetisch zu sein. Bernhard Malkmus, 1973 in Aschaffenburg geboren, aufgewachsen im Spessart und bei Lissabon, schreibt eine meisterhafte Prosa. In Oxford lehrt er Germanistik und Environmental Humanities. Eine ideale Fächerkombination und ein Glücksfall für dieses ergreifende Buch mit Anklängen an das Nature Writing. Dass er so viel über die Natur und über Vögel weiß, verdankt er auch seinem Vater:

 

„Mein Vater hat diese wunderschönen deutschen sogenannten Trivialnamen, diese Tier- und Pflanzennamen, völlig alltäglich praktiziert. Für ihn war das wie eine Liturgie. Wir sind auf Waldspaziergänge gegangen, in Portugal, im Spessart …“.

 

Und an anderer Stelle heißt es:

„Für mich sind diese Namen wie Ein-Wort-Gedichte: der Goldstreifensalamander, die Blaugrüne Mosaikjungfer, das Mädesüß. Ich lese Bestimmungsbücher, wenn ich sie nicht zum Bestimmen verwende, wie Gedichtbände.“

Wer Freude und Interesse an der Vogelwelt hat, findet im Buch ein zweieinhalbseitiges Register mit allen erwähnten Arten. Der Anhang wartet außerdem mit einem Abbildungsverzeichnis, etwa zu Lyonel Feiningers „Vogelwolke“ von 1926, auf. Und auch das Literaturverzeichnis mit Quellen von Shakespeare über Dostojewski und Franz Kafka bis zu Berthold Brecht oder auch Chuang Tzu, dem großen Mystiker aus China, bereichert das Buch.


Der freundlich lächelnde Autor Bernhard Malkmus vor einem Bücherregal mit seinem Buch in den Händen
Zufällige Begegnung mit Bernhard Malkmus in der Regensburger Buchhandlung Dombrowsky © Felicitas Wlodyga

Was bedeutet Himmelsstriche?

So verwundert es nicht, dass Bernhard Malkmus das Wort Himmelsstriche in den Sinn kommt, mit dem ursprünglich die Bahnen der Gestirne im Himmelsgewölbe beschrieben wurden. Der Begriff Himmelsstriche war schon Alexander von Humboldt geläufig und bis ins 18. Jahrhundert Ausdruck für Himmelsrichtungen. Außerdem war es ein Synonym für Gegend oder Region, analog zu Landstrich. Heute gilt der Begriff als ausgestorben.


Bei Bernhard Malkmus bezeichnen die Himmelsstriche sowohl die Gegenden, in denen die Seevögel zuhause sind, als auch die Kalligrafien, die sie in die Lüfte zeichnen.


Mein Fazit

„Himmelsstriche“ von Bernhard Malkmus verbindet sehr viel: Reisetagebuch und Essay, Natur- und Kulturgeschichte. Es eignet sich für Natur- und Vogelfreunde, für Kulturgeschichtsinteressiere und für Menschen, die Freude an Sprache haben. Der Autor lässt sich tief ein: auf die Natur, auf das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, auf die Sprache. Er überfordert nicht, dosiert die Fakten, etwa zum Naturschutz. Mit seiner Sprachkunst gelingt es ihm, Schönheit und Schrecken virtuos nebeneinander existieren zu lassen. Es ist eine Prosa, die auch eine Art Rettungsanker ist.


Buchempfehlung

Himmelsstriche. Vom Leben der Vögel und Überleben der Menschen. Bernhard Malkmus. Matthes & Seitz Berlin 2025. Reihe: NATURKUNDEN Nº 112, herausgegeben von Judith Schalansky

Das Buchcover von Himmelsstriche in der Verlagsversion












Die Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz Berlin



Danksagung Ich danke Lalena Hoffschildt von der Regensburger Buchhandlung Dombrowsky für diese Buchempfehlung. Wie es der Zufall wollte, kam bei unserer Begegnung der Autor Bernhard Malkmus in den Buchladen, in dem er eine Lesung hatte (s. Foto). 




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