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Documenta fifteen – Der globale Süden zu Gast in Kassel

Kassel, 2022. Eine ganze Stadt setzt sich, alle fünf Jahre wieder, 100 Tage lang der Kunst

aus. Und was für einer! Die documenta fifteen ist anders, unmittelbarer. Sie betrifft Dich,

mich – uns alle. Wer noch nie auf einer documenta, der weltweit größten Ausstellung für

zeitgenössische Kunst war: Die documenta fifteen in Kassel ist die ideale Einsteiger-

Ausstellung. Hier bekommst Du Tipps, wo die Kunst mich besonders bewegt hat.


documenta fifteen 2022
4:3, © documenta fifteen 2022

Was Dich hier erwartet

Die Kraft der Gemeinschaft – Kunst und Kollektive zu Gast in Kassel

Auftakt Fridericianum – Dan Perjovschi aus Rumänien

Im Fridericianum – Saodat Ismailova aus Usbekistan

Im Fridericianum – Siwa Plateform – L´Économat in Redeyef /Tunesien

Auf der Karlsaue – Nest Collective aus Kenia

Auf der Karlsaue – Cao Minghao und Chen Jianjun aus China

An der Fulda – Hiroshima-Ufer und rund um den Bootsverleih Ahoi

Gastbeitrag von Jan Maruhn Bürgerpark an der Ahne – Sourabh Phadke aus Indien und Jumana Emil Abboud aus Palästina

An drei Orten – das Nha San Collective aus Vietnam

Documenta Guide

Tipps zur Orientierung – analog und digital

Entdecker-Guide für Familien

Entführung in die Grimmwelt für Familien

Kultur-Kalender mit Begleitprogramm

Reinkommen

Das leibliche Wohl – Kulinaria von Kunst bis Konvention

Unterkommen

Vorgestellt: Gastautor Jan Maruhn, Kunst- und Architekturhistoriker


Die Kraft der Gemeinschaft – Kunst und Kollektive zu Gast in Kassel

Die documenta-Kunst trifft sich an 32 Standorten quer durch die Stadt Kassel. Jenseits von elitärer Kunst hat das indonesische Kollektiv ruangrupa diese Weltkunst-Schau kuratiert. Ihr Motto lautet „Lumbung“. Das ist ein indonesischer Begriff für eine Reisscheune, in der die Ernte gemeinschaftlich gelagert wird. Und das Kollektive wird hier zum obersten Przinzip. Rund 1.500 Künstler:innen agieren hier überwiegend in Gemeinschaften. Im Brennpunkt: der globale Süden. In sonst nicht möglicher Dichte tragen alle Beteiligten einen einmaligen Querschnitt unserer Gegenwart zusammen. Kassel, der Austragungsort, hält das gigantische Prisma mit Perspektiven auf Gesellschaft, Leben und Arbeit in seinen Stadtgrenzen im Zaum. Eine global und interdisziplinär ausgerichtete Kunst- und Kulturplattform regt den Dialog zwischen Nord und Süd an. Die alles überwölbende Frage: Wie gehen wir mit unserer Welt, mit unseren Ressourcen um? Das zu Sehende weitet den Blick hin zur Welt. Berührt, verstört, weckt auf. Du brauchst also Zeit. Mindestens zwei Tage. Danach bist Du klüger, nachdenklicher – auch jenseits der unschönen Begleitumstände, der Antisemitismus-Vorfälle. Trotzdem kannst Du den Sommer und das Draußensein feiern – und die Kunst sowieso. Und ich? Ich bekomme Entzugserscheinungen über meine schreibenden Streifzüge zur documenta. Möchte am liebsten gleich noch einmal hin.


Auftakt Fridericianum – Dan Perjovschi aus Rumänien

Der rumänische Künstler Dan Perjovschi hat die Säulen am Haupteingang des Fridericianums, es wurde 1799 als erstes öffentliches Museum in Europa eröffnet, vollends mit schwarzer Farbe überzogen. An den Eingangspfeilern prangen Symbole, Schrift und Chiffren in weißer Kreide aus der Hand des Zeichners entsprungen. MIDDLE CLASS HAVE MIDDLE? DREAMS steht da. Oder, untereinander gesetzt: „G-7, G-20, G-enerosity“. An anderer Stelle umrundet ein Kreis die Buchstaben W und E des Wortes POWER. Anspielungen auf Solidarität, Frieden und Politik, nachdenklich Machendes. Für Menschen mit Faible für Wortspiele wie mich ist einiges zum Schmunzeln dabei. Für Dan Perjovschi repräsentieren die Säulen der Fridericianum-Fassade „Kolumnen“ (lat. Columna, Säule). Damit stellt der Rumäne, der als junger Oppositioneller die Ceausescu-Diktatur erlebte, bewusst Assoziationen zu einer Zeitschrift her. In deutlicher Absetzung zu den heutigen Medien, arbeitet Dan Perjovschi hier – wie bei seinem laufenden Zeitungsprojekt im rumänischen Sibiu – analog, langsam und technisch überholt. Perfekter Einstieg.


documenta fifteen: Dan Perjovshi, Generosity, Regeneration, Transparency, Independence, Sufficiency, Local Anchor and most of all Humor, Installationsansicht, 2022, Fridericianum, Kassel, 10. Mai 2022, Foto: Nicolas Wefers
documenta fifteen: Dan Perjovshi, Generosity, Regeneration, Transparency, Independence, Sufficiency, Local Anchor and most of all Humor, Installationsansicht, 2022, Fridericianum, Kassel, 10. Mai 2022, Foto: Nicolas Wefers

Im Fridericianum – Saodat Ismailova aus Usbekistan

Nicht vorübergehen! Links vor dem Fridericianum führt eine Treppe direkt ins Kellergewölbe hinunter. Die international anerkannte Filmemacherin und Künstlerin Saodat Ismailova hat ihr Kunstquartier gleich in mehreren Räumen aufgeschlagen. Unter dem Obertitel „Chilltan“ ist sie mit Video, Performance und Environment vertreten. „Chilltan“ gehört zum zentralasiatischen Kulturgut und bezeichnet Gestaltwandler. Sie können die Gestalt von Frauen, Tieren oder Naturphänomenen wie Wind oder Wolken annehmen. Ich lasse mich vom filmischen Oeuvre der Künstlerin in den Bann ziehen und taste mich zu einem der gemütlichen traditionellen Sitzkissen vor. Und ab geht’s in eine Zauberwelt der Mythen, Symboliken, Spiritualität. Vieles bleibt unfassbar, deutlich ist eine feministische Perspektive. Verbunden mit ihrem künstlerischen Schaffen widmet sich die Usbekin (Jahrgang 1981) der Untersuchung, Dokumentation und Verbreitung zentralasiatischer Kultur. Wie ernst Saodat Ismailov, selbst in Paris und ihrer Geburtsstadt Taschkent zu Hause, ihre Rolle als Mittlerin zwischen Ost und West nimmt, zeigt auch, dass sie eigens zur Unterstützung ihrer Arbeit die Forschungsgruppe Davra in Taschkent gegründet hat. Aktuell ist Saodat Ismailova ebenfalls auf der Biennale in Venedig 2022 vertreten.


documenta fifteen: Saodat Ismailova, Chillpiq, 2018, Installationsansicht, Fridericianum, Kassel, 11. Juni 2022, Foto: Nicolas Wefers
documenta fifteen: Saodat Ismailova, Chillpiq, 2018, Installationsansicht, Fridericianum, Kassel, 11. Juni 2022, Foto: Nicolas Wefers

Im Fridericianum / Siwa Plateform – L‘ Économat in Redeyef / Tunesien

Ich bleibe im ehrwürdigen Fridericianum. Rauf in den zweiten Stock. Die Projekträume der Siwa Platforme zeigen exemplarisch, wie komplex die einzelnen Länderbeiträge auf der documenta fifteen oft angelegt sind. Hier muss ich länger bleiben. Tunesien ist mit Redeyef vertreten, eine der am stärksten vernachlässigten Städte des Landes, mitten in der Wüste in einem Phosphatbecken gelegen. Ein Gegenprogramm zu Karthago und Tunis, wo ich vor sehr langer Zeit einmal war – und gern wieder hin möchte. Die Schicksale der Redeyefer, darunter viele Bergarbeiter und arbeitslose Jugendliche, gehen mir auf vielfältige Weise zu Herzen. Dass Menschen hier eine Chance und mehr Lebenssinn bekommen, dass es Künstler:innen gibt, die ihren Lebensbedingungen Ausdruck verleihen, ist dem Kollektiv Siwa Plateform zu verdanken. Aus einem nomadischen Programm für den Austausch zwischen Künstler*innen und Denker*innen aus Tunis, Bagdad und Paris haben sie ein Zukunftslabor für die Community in Redeyef geschaffen. Siwa-Leute haben das ehemalige Gebäude des L’Économat, das koloniale Warenlager der Bergbausiedlung, mit Einheimischen auf Vordermann gebracht. Ein lebendiger kultureller Treffpunkt ist entstanden, für die Menschen dort sicher nicht mehr wegzudenken. Wie ihn der Economat und eine dort offensichtlich gute Arbeit machende Sozialarbeiterin aufgerichtet haben, davon erzählt ein Mann aus Redeyef so eindrücklich wie davon, wie schwer es ihm fiel, die Grundschule zu absolvieren. Die englische Untertitelung dazu, „I could not learn“, verfolgt mich noch bis zur Karlsaue, meinem nächsten Ziel.


Redeyef zu Gast in Kassel – Eine Stadt und ihre Bewohner:innen suchen Wege aus der Marginalisierung
Redeyef – Eine tunesische Stadt und ihre Bewohner:innen suchen Wege aus der Marginalisierung © fega

Ein Tee geht immer – alles, was die Teestube ausmacht, hat den Weg von Redeyef nach Kassel gefunden

Berührend und handfest zugleich – ein schlichtes Blatt Papier mit der E-Mail-Adresse der SIWA Platforme © fega


Sinnliche Eindrücke auf der gesamten Etage: Siwa zeigt hier seine zehnjährige Arbeit in Redeyef in einem visuellen Archiv, hier zeichnet Okacha Ben Salah, ein junger Filmemacher, ein filmisches Porträt der Stadt, hier werden über Radiosender Originaltöne von Ortsbewohner:innen ausgestrahlt. Ja, und hier erstrahlt die leuchtende Wüstenlandschaft durch eine Installation von Haythem Zakaria in die Weite des Raums. Ich wähne mich fast in Tunesien.


Auf der Karlsaue – Nest Collective aus Kenia

Unten auf der ausgedörrten Karlswiese fällt mir bereits von weitem die Installation des Nest Collective, ein interdisziplinär arbeitendes Künstler:innenkollektiv aus Nairobi, ins Auge. Welch ein Kontrast! Vis-à-vis von der Orangerie erhebt sich eine imposante Installation aus gepresstem Elektro- und Plastikschrott, in strengem schwarz-weiß gehalten. Es ist das Entrée für die benachbarte Hütte. Aus riesigen Altkleiderballen zusammengefügt sichert sie sich eine hohe Präsenz auf dem Rasen. Assoziationen an eine Müllhalde werden wach. Wie so oft auf dieser documenta müssen sich meine Augen im Inneren des Müllbergs erst an die Dunkelheit gewöhnen. Eine konsequente Dramaturgie, schärft sie doch den Blick – und die Konzentration auf das zu Sehende. Ein Video zeigt die unguten Verflechtungen auf, die entstehen, wenn Altkleider aus dem globalen Norden nach Afrika verschafft werden. Gut gekleidete afrikanische Männer klären in den Interviews dieser Videodokumentation darüber auf, wie destruktiv sich der Import von Second Hand Kleidung auf die heimische Textilwirtschaft in Kenia auswirkt.


Welt der Kontraste: eine Plastikschrott-Installation des Nest Collective vis-à-vis der Orangerie in Kassel
Welt der Kontraste: eine Plastikschrott-Installation vis-à-vis der Orangerie in Kassel © fega

Eine Hütte aus Altkleiderballen steht demonstrativ für die Schattenseiten des Second Hand Kleider-Imports in Kenia
Eine Hütte aus Altkleiderballen steht für die Schattenseiten des Second Hand-Kleider-Imports in Kenia © fega

Auf der Karlsaue – Cao Minghao und Chen Jianjun aus China

In Richtung Orangerieschloss schiebt sich ein großes schwarzes Zelt in meine Blickachse. Es scheint alle Viere von sich zu strecken. Ganz falsch ist die tierische Assoziation nicht: Im Stoff versteckt sich Yak-Haar, die auffällige Form ist einem Nomadenzelt nachempfunden.


Wassermangel an allen Enden der Welt – auf der Karlsaue/ Kassel ebenso wie im Video von Cao Minghao und Chen Jianjun aus China
Im Yak-Zelt zeigen Cao Minghao und Chen Jianjun die aktuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen ländlicher Gesellschaften in China © fega

Im Zeltrinneren lerne ich über ein filmisches Werk die Künstler Cao Minghao und Chen Jianjun aus Chengdu/ China kennen. Auf der documenta fifteen zeigen sie das Video „Grass, Sand and Global Environmental Apparatus“, eine Nahaufnahme der aktuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen ländlicher Gesellschaften in China. Die beiden sind Profis in der Bearbeitung ökologischer Themen. In ihrer jüngsten Langzeitstudie „Water System Refuge“ nehmen Minghao und Jianjun die Wassersysteme dieser Welt unter die Lupe. Schonungslos rücken sie aktuellen sozioökologischen Realitäten der Menschheit zu Leibe. Und auch ihr Schaffen steht für das Kollektive: Es entsteht in gemeinsamer Arbeit mit Forschungs- oder Künstler:innengruppen, Umweltorganisationen und lokalen Gruppen.


Ökologisch vorbildlich wird auch das documenta-Zelt auf der Karlswiese sein Ende im Herbst nehmen: Das kostbare Yakhaar überlebt – während das Übrige des Zeltes sich biologisch abbaut und langsam davon macht. Chinesische Ökobäuer:innen fertigen wohlig wärmende Yakhaar-Hausschuhe daraus. Also: flugs ein Paar gekauft – und die documenta fifteen bleibt erst recht unvergesslich.


Hausyaks
Der Hausyak ist Lastentier und liefert Milch, Fleisch, Leder, Haar und Wolle © Pawel Novak, Wikimedia Commons

An der Fulda – Hiroshima-Ufer und rund um den Bootsverleih Ahoi

Kaum zu glauben, doch Kassel brauchte einige Zeit, um seine Wasserorte umfassender für die documenta zu entdecken. Die documenta fifteen steigt voll ein und kürt die Fulda zum Ausstellungsort. Es macht Freude, an der von Claes Oldenburg zur documenta 7 (1982) geschaffenen „Spitzhacke“ vorbei, am innenstadtseitigen Hiroshima‐Ufer entlang zu schlendern und schon mal die Exponate der gegenwärtigen documenta am gegenüberliegenden Flussufer in den Blick zu nehmen.


Am Wasser: Die documenta fifteen nutzt die Fulda mit ihren Ufern als Ausstellungsort © fega


Das azurblaue Schild vom Bootsverleih Ahoi winkt über den Fluss. Ich überquere das ruhig vor sich hin strömende Gewässer, um erst einmal beim Kurbad Jungborn zu landen – heute ist es ein Café und wie geschaffen für eine kleine Rast. Gut gelaunte Menschen überall.



Nur einen Katzensprung voneinander entfernt: das Café Kurbad und die Bootsanlegestelle Ahoi © fega


Und jetzt auf zur Bootsanlegestelle Ahoi! Die in der Slowakei beheimatete Künstlerin Ilona Németh hat sich diese Wasserstelle erobert und ihre schwimmenden Gärten pittoresk wie Schiffchen in die Fulda gesetzt – „Future Garden“ und „Healing Garden“ heißen die beiden Gartennachbarinnen.


„Future Garden“ und „Healing Garden“ von Ilona Németh © fega


Unweit des entspannten Flussszenarios liegt der ehemalige Geschützturm, das „Rondell". Die vietnamesische Filmemacherin Nguyen Trinh This richtet ihr Werk darin aus. Sie möchte es als Hommage an die Gefangenen in den Internierungslagern Nordvietnams verstanden wissen. Das Schöne und das Grauen können so nah beieinanderliegen.


Mein Tipp

Das documenta-Team hat einen 4,5 stündigen Spaziergang an der Fulda ausgearbeitet, mit allen Kunststationen, zudem „Badespaß“ und „Erholung im Park Karlsaue“ inklusive.


Bürgerpark an der Ahne – Sourabh Phadke aus Indien und Jumana Emil Abboud aus Palästina

Gastbeitrag von Jan Maruhn

Draußensein – das ist in Kassel einfach. Und die Sonne macht es leicht, den Nordstadtpark zu finden, der ganz am anderen Ende der Stadt und weit weg von der Karlsaue liegt. Die Ahne zieht am Rande des Gartens ihre mäandernde Bahn. Zugleich Grenze und Feuchtigkeitsspender für den Bürgerpark, entdeckten zwei Künstler*innen den tieferliegenden kleinen Fluss, der einst mit nun romantisch ruinösen Treppen und einer nicht mehr vorhandenen Brücke, Park und Stadt miteinander verband. Diese Fehlstelle nutzt Sourabh Phadke, Maurer, Architekt und Lehrer für Naturwissenschaft und Sozialkunde und baut einen neuen Übergang, der halb Brücke, halb unbewegliches Floß ist, während Jumana Emil Abboud, für die er die architektonische Bildhauerarbeit geschaffen hat, in ihren Arbeiten das Recht auf Wasser mit der Schönheit des Fließens zusammenführt. Zusammen schaffen die beiden Künstler*innen einen statischen Versammlungsort, über dem ewig fließenden Fluss- hier soll man nicht nur abhängen, hier soll auch Wissen produziert werden. Na dann los!


An drei Orten – das Nha San Collective aus Vietnam

Noch einmal Wasser: Für die documenta fifteen stellt das Nhà Sàn Collective metaphorisch eine Verbindung zwischen den Flüssen im vietnamesischen Hanoi mit Kassel und der Fulda her. Das Kollektiv ist an drei Ausstellungsorten vertreten, im Stadtmuseum Kassel, an der Walter-Lübcke-Brücke und in der Werner-Hilpert-Straße 22, kurz WH22.



Documenta-Guide

Tipps zur Orientierung – analog und digital

Angesichts der oft sehr ausladenen Ausstellungsflächen lohnt es, sich vorab einen kurzen Überblick über die jeweiligen Besichtigungsorte an den 32 Standorten geben zu lassen, ob digital oder analog über das Handbuch zur documenta fifteen, auf deutsch und auf englisch erhältlich.

documenta fifteen, Handbuch, Cover, Hatje Canz Verlag, 2022 © documenta fifteen
documenta fifteen, Handbuch, Cover, Hatje Canz Verlag, 2022 © documenta fifteen

So erfasst man schneller, was einen erwartet. Vor Ort ohne vorherige Lektüre gelingt es meist erst nach einiger Zeit, den angedachten Rahmen und die Herkunft der Kunst zu ermessen. Kostbare Zeit, in der man sich sinnvoller in die Kunst versenken kann.


Entdecker-Guide für Familien

Es gibt noch weitere Publikationen zur documenta fifteen in deutscher und englischer Sprache, alle im Hatje Canz Verlag erschienen. Darunter der Familienguide „Gehen, finden, teilen“.


documenta fifteen, Gehen Finden Teilen, Cover, Hatje Canz Verlag, 2022 © documenta fifteen
documenta fifteen, Gehen Finden Teilen, Cover, Hatje Canz Verlag, 2022 © documenta fifteen

Denn interaktiv – das kann diese documenta auch. Kleine wie große Kinder können an vielen der 32 Ausstellungsorte mitmachen, mitspielen, sich ausprobieren und Teil der Kunst werden. Acht internationale Illustrator:innen und Autor:innen haben, angeregt durch die documenta fifteen Bildwelten neu erfunden, mit denen sie die Phantasie der Leser:innen und Besucher:innen beflügeln möchten. Inspiriert ist „Gehen, finden, teilen“ von Touren in Reiseführern. Fünf Rundgänge sind entstanden - auch Comicfreund:innen kommen voll auf ihre Kosten. Hier der Überblick über alle Publikationen.


Entführung in die Grimmwelt für Familien

Kassel ist auch Stadt der Brüder Grimm. Die Grimmwelt Kassel, das weltweit größte Ausstellungshaus zum Lebenswerk der Brüder Grimm, erhebt sich über die Karlsaue – preisgekrönte Architektur zudem. Aus multimedialen Beiträgen und Mitmach‐Angeboten wurde eine interaktive Erlebniswelt geschaffen, die die Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm lebendig werden lässt: Kinder können etwa das Spieglein an der Wand befragen oder dem Wolf beim Warten auf Rotkäppchen Gesellschaft leisten. Ein weiterer Schwerpunkt sind die sprachwissenschaftlichen Studien, mit denen sich die Grimm-Brüder einen Namen gemacht haben. Exponate wie ihre persönlichen Handexemplare der „Kinder- und Hausmärchen“ tragen zur musealen Vielfalt bei. Und die documenta fifteen? Sie ist – das versteht sich – ebenfalls in der Grimmwelt vertreten. Beim Zwischenstopp im Museums-Café kann der Blick weit über die Karlsaue schweifen.


Ebenfalls als Ausstellungsort auf der documenta vertreten: die Grimmwelt am Rand der Karlsaue © fega



Kultur-Kalender mit Begleitprogramm

Es gibt ein reichhaltiges Begleitprogramm zur documenta. Von der Sprache der Samen bis zum Tagtraum-Workshop, von der Atem-Meditation bis zu Kinderbuch-Lesungen und natürlich mit vielen Musik-, Tanz- und Kunstaufführungen – auch der Kulturkalender ist opulent.


Reinkommen

  • Welche Tickets für die documenta fifteen gibt es?

  • Was kosten die Tickets?

  • Wie komme ich an ein Ticket?

  • Warum helfe ich mit meinem Ticket bei einer guten Sache?

Hier findest Du einen guten Überblick zu all diesen Fragen.



Das leibliche Wohl – Kulinaria von Kunst bis Konvention

Kulinarische Stationen finden sich auf der documenta fifteen zuhauf. Manchmal stehen sie in direkter Verbindung mit einem künstlerischen Kollektiv und seinem Werk wie beim Kochprojekt Pakghor von Britto Arts Trust. Ein Besuch lohnt: Gleich neben der documenta-Halle wächst und gedeiht ein „Palan“. Der bengalische Gemüsegarten ist Allrounder und versorgt den „Pak Ghor“, die Wohnküche der Familien. Reiche Ernte wird auch in Kassel erwartet: Präsentiert werden sollen 100 Esskulturen von 100 Nationen an 100 Tagen.


Kulinarische Stationen auf der documenta fifteen © fega


Eher konventionell geht es in der Küche des Orangerieschlosses zu, solide hiesige Küche. Nicht überall, aber hier gibt es einen Windbeutel – und wieder einen schönen Blick über die Karlsaue obendrauf aufs Sahnehäubchen.


Nicht zu vergessen die Streetfood-Meile gegenüber dem Fridericianum am Friedrichsplatz. Eine reiche Auswahl an Speisen wird hier kredenzt: von Flammkuchen, Wraps, Bowls bis hin zu Linsenbratlingen und deftigen Fleichgerichten, teilweise auch in Bio-Qualität von regionalen Anbietern. Hier kann ich noch einmal aus der Entfernung auf Dan Perjovschis Säulenkunst am Fridericianum blicken und lasse meinen documenta-Tag voll der Eindrücke ausklingen.


Unterkommen

Jetzt brauchst Du nur noch ein Kopfkissen, auf das Du Dein Haupt abends nach dem Besuch der documenta sinken lassen kannst. Ich mochte es hier: im Hotel am Rathaus. Grundsolide im besten Sinne und im Kasseler Fifties-Style zu einem fairen (documenta) Preis. Und die Lage könnte nicht besser sein, nur zwei Häuserblocks vom Fridericianum entfernt. Ebenfalls empfehlenswert, das Stadthotel Kassel (hier habe ich zur documenta 9 übernachtet), ebenfalls sehr documenta-günstig gelegen.



Vorgestellt: Gastautor Jan Maruhn

Kunst- und Architekturhistoriker

Studium der Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin / seit 2001 Leiter der Bildhauerwerkstatt im Kulturwerk des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin / seit 2004 Dozent im GasthörerCard-Programm der Freien Universität Berlin, langjährige Erfahrungen als kunsthistorischer Reiseleiter auf zahlreichen Exkursionen im gesamten Bundesgebiet sowie im europäischen Raum, Promotionsvorhaben zum Kunstsammler und Mäzen Hugo Simon / seit 1988 zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen der Architektur und Kunstgeschichte

Gastbeitrag Bürgerpark an der Ahne - Sourabh Phadke aus Indien und Jumana Emil Abboud aus Palästina


Jan Maruhn
Jan Maruhn © Frank Nürnberger, https://www.studio10117.de

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