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Mein Kassel

10 Fragen an Martin Sonntag

Leiter der Caricatura-Galerie für Komische Kunst


Wenn Du die Seele eines Ortes erspüren möchtest, fragst Du am besten Einheimische. Dann erfährst Du von jenen Orten, die eine besondere Aura versprühen und mehr über ihre Umgebung erzählen. Welchen Lieblingsort gibt es in ihrer täglichen Umgebung? Wohin gehen sie gern essen? Ich habe für Dich Menschen befragt, die wissen, wo ihre Stadt, ihre Region, ihre Landschaft etwas Unverwechselbares vermitteln kann – mit Schwerpunkt Kultur, versteht sich.

Martin Sonntag
Für Martin Sonntag ist Kassel dank seiner Kultur ein Geheimtipp © privat
Warum leben Sie als Kulturschaffender hier?

Für eine Stadt dieser Größe hat Kassel ein enormes kulturelles Angebot. Die Stadt ist gut vernetzt, und innerhalb der kulturellen Szene gibt es einen starken Zusammenhalt. Die Stadt bietet aber auch immer noch genug Freiraum, um sich kulturell auszuprobieren, zu entwickeln und auch um sich zu verstetigen.

Alle fünf Jahre bringt die documenta zusätzlich neue Impulse in die Stadtgesellschaft ein. Das klappt mal besser und mal weniger gut, führt aber immer zu einer Stärkung des kulturellen Bewusstseins der Bewohner:innen.


Was macht Kassel aus Ihrer Sicht für Besucher:innen kulturell interessant?

Vor allem ist die kulturelle Vielfalt eine große Attraktion. Neben dem Bergpark Wilhelmshöhe als Weltkulturerbe gibt es die großen Landes- und städtischen Museen, u.a. mit der bedeutenden Gemäldesammlung Alter Meister im Schloss Wilhelmshöhe. Das Staatstheater als Drei-Sparten-Haus wird immer sichtbarer in der Stadt, und die „Überbleibsel“ jeder documenta im öffentlichen Raum machen die Stadt zu einem begehbaren Kunst- und Kulturpark. Das Sahnehäubchen sind aber wohl die „speziellen“ Häuser, wie das Museum für Sepulkralkultur, die Grimmwelt und die Caricatura. Dazu kommt die starke freie Szene, die im kulturellen Angebot der Stadt sehr präsent ist. Es wird halt nie langweilig.



Zwei Markenzeichen der Stadt Kassel: Schloss Wilhelmshöhe und die Gebrüder Grimm © Stadt Kassel; Foto: Jörg Conrad (Wilhelmshöhe); © Kassel Marketing GmbH; Foto: Paavo Blåfield (Grimm)
Wie nutzt Kassel sein Kulturpotential?

Die Kulturpolitik der Stadt hat mit der Kulturkonzeption frühzeitig die Weichen bis ins Jahr 2030 gestellt. Die Kasseler Kultur ist deswegen insgesamt recht gut durch die Krisen der letzten Jahre gekommen und kann gut für die Zukunft planen. Im Rathaus weiß man also, was man an den Kultureinrichtungen der Stadt hat.

Ansonsten stellen wir speziell bei uns fest, dass sich unsere steigenden Besucher:innenzahlen (vor Corona) vornehmlich aus Besucher:innen außerhalb der Region speisen. Tourist:innen kommen also vermehrt nach Kassel und nutzen dann auch die kulturellen Angebote.


Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Natürlich die Caricatura ;-). Aber wenn ich mal nicht dort bin, gehe ich gerne in den Bergpark oder in die Karlsaue. Kassel hat viel Grün in der Stadt, das hat eine hohe Qualität.


Nah dem Kasseler Zentrum und immer einen Spaziergang wert: die Karlsaue © Kassel Marketing GmbH; Foto: Mario Zgoll
Ihr Lieblingsort am Wasser?

Ich gehe gerne mal an den Buga-See. Vor allem an grauen und nebligen Tagen. Während es in der Stadt oder im Wald dann eher ungemütlich ist, herrscht dort eine natürliche und ruhige, fast mystische Stimmung, in der eine gewisse Weite dominiert. Es ist sehr entspannend.


Wohin gehen Sie am liebsten, wenn Sie die Stadt einmal hinter sich lassen möchten?

Rund um den Hohen Meißner gibt es ein paar herrliche und sehr abwechslungsreiche Wanderwege. In der entgegengesetzten Richtung liegt der Edersee. Die Wanderwege dort bieten regelmäßig tolle Ausblicke auf den See.


Welchen Kulturtipp in Kassel möchten Sie unbedingt weitergeben? Was sollte man erlebt haben?

Die großen Häuser der Stadt bieten für jeden Geschmack etwas. Dort sollte jeder und jede fündig werden. Zu empfehlen sind aber vor allem die kleineren Galerien der Stadt – einfach eintauchen und sich treiben lassen. Die wichtigste Regel dabei lautet: Zum Abschluss geht man auf jeden Fall in die Caricatura, damit man gutgelaunt nach Hause fahren kann.


Lustige Truppe auf dem Vordach der Caricatura Galerie: der „Bär auf dem Försterball", „Raucher-Ralle" und das „Denkmal des unbekannten Idioten" (v.l.n.r.) © Stadt Kassel; Foto: Weber Fotografie Kassel
Ihr kulinarischer Tipp für ein Restaurant / für ein Café in Kassel

Auch hier gilt: treiben lassen! In Kassel liegen einige gute kulinarische Orte zwar sehr zerstreut, aber man findet sie. Bunt und abwechslungsreich sind die Cafés und Kneipen in der Nordstadt in der Nähe der Uni rund um das Kulturzentrum Schlachthof. Rund um den Bebelplatz im Vorderen Westen gibt es ein breites und attraktives Angebot. Das blöde an Geheimtipps ist, dass sie nach Nennung nicht mehr geheim sind. Trotzdem: Zum Essen ins „Humboldt 1a“ oder ins „Mondi“ zu gehen, lohnt sich immer – wenn rechtzeitig reserviert wurde.

Streetart nah der Kasseler Uni in der Nordstadt © Kassel Marketing GmbH; Foto: Can Wagener

Joseph Beuys Mural, eine von rund 30 Graffiti-Großwänden der Public Art Gallery in Kassel-Nordstadt © Kassel Marketing GmbH; Foto: Can Wagener
Kassel ist einzigartig, weil …

... es eine lebendige Kulturstadt ist, in der es viel zu entdecken gibt. Eigentlich ist Kassel insgesamt ein Geheimtipp, eine Stadt für den zweiten Blick. Wer sich darauf einlässt, bleibt auch gerne mal hier hängen.


Welche Frage hätten Sie gern noch beantwortet?

Die Uni in Kassel ist zwar noch relativ jung, spielt aber mit über 20.000 Student:innen eine immer wichtigere Rolle in der Stadt. Ihren wachsenden Einfluss auf die Stadtentwicklung merkt man immer deutlicher.

Nach dem Mauerfall 1989 brauchte Kassel als Stadt im ehemaligen Zonenrandgebiet ein paar Jahre, um zu merken, dass sie auf einmal in der Mitte Deutschlands liegt, und welches Potential das bietet. Dieses Potential wird gerade Stück für Stück genutzt und weiterentwickelt. Ach, und nochmal die Kultur, jetzt fallen mir noch die ganzen Festivals ein:

Es ist viel los…


Martin Sonntag, geboren in Minden/Westfalen, studierte Geschichte und Sport. Seit 2000 leitet er die Caricatura – Galerie für Komische Kunst in Kassel. Hier organisiert er mit seinem Team Ausstellungen, Bühnenveranstaltungen und Aktionen. Bereits seit 2007 veranstaltet die Caricatura Galerie in Kassel zusammen mit dem Caricatura Museum Frankfurt und dem Satiremagazin Titanic jährlich eine Sommerakademie für Komische Kunst. Martin Sonntag ist Mitglied der Jury für den Deutschen Cartoonpreis.


Was darf Kunst? Was darf Satire? Ein Gespräch mit Martin Sonntag in den Hessischen Nachrichten anlässlich der Debatte um die documenta fifteen, erschienen am 1.8.2022.

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